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Stephan Weidner

Was heißt eigentlich schon „Zukunft“? In dem Moment, in dem man das Wort ausgesprochen hat, ist sie Gegenwart geworden und liegt Augenblicke später schon wieder so weit hinter uns. Die Zukunft besteht nur aus Momentaufnahmen. Alles, was man von Stephan Weidner bekommt, sind Schnappschüsse, die mit ihrer Entwicklung schon obsolet geworden sind. Wie soll man einen solchen Innovationshistoriker fassen? Man kann es nur, indem man zurückschaut und aus der Vergangenheit Trends für eine mögliche Zukunft abzuleiten versucht. Was Weidner auf „Schneller, Höher, Weidner“ im Frühjahr 2008 serviert hat, liegt jetzt schon wieder ewig zurück. Es ist ein Negativ, wenn auch ein nicht restlos verblichenes. Es war mal Weidners Zukunft, die zum „jetzt“ wurde und heute schon lange wieder vorbei ist. „Du siehst nur den Schatten, meines früheren Ichs…“ Greifbar ist langweilig, Stillstand der Tod. Die Platte ist Biographieersatz und nach 25 Jahren Böhse Onkelz mit stetigem Probieren, Suchen, sich verwirklichen und doch ständigem Aufgehen in der Gruppe, der erste Schritt in die völlige musikalische Unabhängigkeit. Diesen Schritt gehen auf der folgenden Tour über 50.000 Menschen auf einer ausverkauften Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz mit. Ein voll gebuchter Festivalsommer mit Auftritten auf dem „With Full Force“ oder in „Wacken“ schließen sich an. Und alle wollen den Weidner sehen. Oder den Bassisten der Onkelz? Die Zukunft – da ist sie wieder – bringt Antworten.

Wenn „Schneller, Höher, Weidner“ in der musikalischen Evolution so etwas wie die Emanzipation von 25 Jahren Onkelz darstellt – auch, wenn das eher die Interpretation von außen, als das innere Empfinden des Musikers Stephan Weidner war – dann musste der nächste Schritt noch weiter gehen. Wenn wir uns an ein Vierteljahrhundert Onkelz erinnern, so musste schon mit dem Verklingen des letzten Tons der Tour 2009 klar gewesen sein, dass Stephan schon wieder einen Schritt weiter war. Denn bleibt man stringent auf dem Weg in Richtung Freiheit, dann muss auf die Emanzipation die Autonomie folgen. Es geht gar nicht anders. Zumindest nicht, wenn man so konsequent auf der Suche ist, wie Weidner. Dass man dabei nicht immer findet, ist ausdrücklich Teil des Phänomens. Die Autonomie ist das mentale Perpetuum Mobile, das den Weidner aus sich selbst heraus funktionieren lässt. Und nicht angetrieben von einer permanenten Reaktion auf Umwelt und Gedanken. Der Eintritt ins Alterswerk? Vielleicht. Konsequente Ausgeglichenheit? Bestimmt. Der kategorische Imperativ? Nein und doch ja, denn das passend „Autonomie!“ betitelte zweite Soloalbum präsentiert im Jahr 2010 einen Texter Weidner, der zwar nach wie vor seine Wahrheiten transportiert in der Gewissheit, dass sie „da draußen“ etwas auslösen, aber er posaunt sie 2010 nicht mehr als Dogma in die Welt. Ein Gedanke, den er auch im Frühjahr 2011 auf der die Platte begleitenden Tour im Gepäck hat. Noch bevor das Album im Dezember 2010 direkt auf Platz 3 der Longplay-Charts einsteigt sind die ersten Clubs bereits wieder ausverkauft und über 50.000 Menschen in 26 Städten lauschen auf der „Autournomie!“ einem Künstler, der, wie er verkündet, sich selbst nicht mehr so wichtig nimmt und mit seiner Band im Rücken Konzerte abliefert, die nicht mehr den schweren Beigeschmack eines Gottesdienst samt predigendem Vorbeter verbreiten, sondern eher wie Treffen der Anonymen Autonomiker daherkommen. Jeder bringt etwas mit zur Party. Im Idealfall positive Vibes, und geht mit dem guten Gefühl nach Hause, wieder etwas Neues mitnehmen zu können. Und zwar einen Werkzeugkasten voller Hebel, um dieses oder jenes Alltagstrauma aus den Angeln hebeln zu können. Nicht mehr mit dem Kopf durch die Wand. Möglicherweise – das ist Weidner 2.0 – geht es doch besser drüber.

So ist Stephan Weidner auch nach über 30 Jahren immer noch auf dem Weg zu neuen Ufern – mit altem Ballast, der mit jeder neuen Veröffentlichung ein bisschen leichter wird. Und irgendwann erlebt man einen völlig autonomen Künstler, der mit sich und der Welt im Reinen ist. Dieser Künstler wird möglicherweise nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu erzählen haben. Ist das die höchste Form des Glücks, völlige Autonomie? Ja, es gibt ein Leben nach den Onkelz. Ob als Produzent oder Verse-Schmied für andere Künstler. Oder mit neuen, eigenen Projekten, als professioneller Beleidiger oder als Walt Disney’s böser Bruder. Ein Onkel der etwas anderen Art, der schreibt, weil er schreiben muss. Was bleibt mir denn anderes übrig? Schließlich trotzt er damit dem Leben Bruchstücke einer Rebellion ab, die er an seine Seele und seinen Geist verfüttert. Purer, ehrlicher Zorn. Ja klar, diese Empfindungen haben viele, aber präzise artikulieren kann sie kaum jemand. Darüber, was 25 Jahre Onkelz übrig gelassen haben oder was sich in über 50 Jahren Weidner an Ideen und Plänen sonst noch aufgestaut hat. Das stand mal an dieser Stelle, noch bevor „Schneller, Höher, Weidner“ erschienen ist und noch bevor die „Autonomie“ abgefeiert wurde. Und heute? Heute gibt es vier DER W-Alben, jedes ein autonomer Teil der weidnerschen Biographie.

Eine Band, die niemandem mehr etwas beweisen muss und genau deshalb locker durchatmen kann. Der Zorn führt nicht mehr Weidners Stift, aber erst wenn er aufgebraucht ist, oder sich der große Vogel aus seinem kleinen Käfig befreit hat, erst dann braucht ihr nicht mehr auf eine neue Weidner-Platte warten. Die Zeiten ändern sich und DER W in ihnen.

 



Voheriges Bandmitglied
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Dirk Czuya