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10 Jahre „Schneller, höher, Weidner“

Gepostet am 26. April 2018

So kurz nach dem Tod von Thomas Hess ist mir eigentlich nicht nach feiern zumute, dennoch frage ich mich, wo ist die Zeit geblieben? Heute jährt sich tatsächlich das Erscheinen der ersten DER W-Platte zum – ich mag es kaum aussprechen – zehnten Mal. Ich denke an Thomas, höre „Zwischen Traum und Paralyse“ werfe einen Blick in die Vergangenheit.

Als wir, Rupert und ich, damals mit den Arbeiten zu „Schneller, höher, Weidner“ ernsthaft anfingen, stand noch gar nichts. Spiele ich komplett den Bass oder wer? Und Schlagzeug? Wer spielt Schlagzeug? Schauen wir dann, erstmal anfangen. Die meisten Texte standen im Rohformat, vor allem gab es Ideen zu Themen, die verhandelt werden mussten. Und die waren bekanntlich nicht alle positiv damals, im Gegenteil. Es gab die Trennung der Onkelz – und vor allem die Nachwehen – , die ich vor aller Augen verarbeiten wollte. Mein Freund Markus Löffel war gestorben, diesen schweren Ballast wollte ich mir von der Seele schreiben, dazu hatte ich mich von meiner Frau getrennt.

Zum Glück fing das massive Frankfurter Felsgestein, in das ich ein paar meiner damaligen Überzeugungen für die Ewigkeit eingemeisselt hatte, irgendwann an zu bröseln. Normalerweise lasse ich mich gerne für sehr lange daran messen, was ich mal aufgeschrieben habe, aber bei ein paar Nummern auf dem Album bin ich heute heilfroh, dass die Ewigkeit doch nur eine handvoll Jahre anhielt. Und es ist verdammt gut so, wie es gekommen ist. Aber das war seinerzeit noch kein Thema. So gar nicht.

Alles Themen also für die schwarze Tinte, die damals reichlich floss. Und doch war die Produktion selbst das exakte Gegenteil von dieser schweren Seele, die auf vielen Tracks fühlbar gemacht wurde. Ich erinnere mich daran, dass ich völlig euphorisiert und ein bisschen beschwippst nächtelang durchgeschrieben habe, um einen Text zu Papier zu bringen, der dann am nächsten Abend direkt aufgenommen wurde. Es waren mitunter zähe Themen, die aber am Ende einfach und leicht auf die Platte flossen. Und die sollte perfekt sein. Rundherum – und jeder sollte es mitbekommen.

Ich habe damals sogar unter meinen Mitarbeitern ein gediegenes Abendessen ausgelobt, wenn es uns gelingt, das Booklet mal frei von kleinen Fehlern zu halten – was traditionell nie gelingt, niemandem. Uns natürlich auch nicht. Und die Platte ist natürlich nicht perfekt geworden, also insgesamt. Wenn ich mir das Album heute anhöre, gibt es zahlreiche Stellen, die ich mit ein bisschen Abstand doch gerne nochmal ein bisschen anders gemacht hätte. Und ich als Sänger? Man hört dem Album einfach an, dass da jemand hart auf der Suche nach einer neuen stimmlichen Identität war. Und dennoch: Das war eben DER W 2008. Ich bin uneingeschränkt stolz auf dieses Album. Und ich denke immer noch gerne an die Produktion zurück, die war nämlich etwas ganz besonderes.

An eine Sache erinnere ich mich rund um „SHW“ besonders gerne zurück: Den Geist! Den Pioniergeist, um genau zu sein. Für das DER W-Debüt herrschte absolute Gedankenfreiheit. Alles sollte möglich sein und so haben wir einfach mal alles ausprobiert, ohne Masterplan, dafür mit Zeit und Bier. Zum Beispiel „Bitte töte mich“, das entstand so ganz dynamisch im Prozess. „Sagt mal, ich hab da so ein Stück über Liebe, aber auf ´ne krasse Weise. Wäre das vielleicht was für ein Duett? Und wer kann das machen“, habe ich in die Runde gefragt. „Doro vielleicht?“ Das war nicht mein Vorschlag, aber der erste Kommentar. Stattdessen kam dann jemand mit dem Hinweis, es gebe da diese Band Skew Siskin aus Berlin und deren Sängerin wäre doch vielleicht vom Typ und vor allem der Power genau die richtige Besetzung. Ein paar Tage später saßen Nina und Jim nach ein paar Mails und Telefonaten schon im Studio und wir haben das Teil an einem Abend eingenagelt. Was für eine pure Energie, was für eine ehrliche Freude über das Ergebnis. Die Nummer halte ich nach wie vor für eine der stärksten im W-Kosmos.

Oder dass Jacob Binzer, Gitarrist von D-A-D und damit einer meiner absoluten Lieblingsbands, vorbeigeschaut hat, um ein Solo für „Ein Lied für meinen Sohn“ einzuspielen. Das war schon etwas Besonderes, das könnt ihr mir glauben. Zunächst hat mir – ganz ehrlich – die Wertschätzung, die mir und vor allem dem Material entgegengebracht wurde, viel gegeben. Wir dürfen nicht vergessen: Ich bin zwar durchaus selbstbewusst, aber „SHW“ war kein Selbstgänger, der sich einfach so ganz selbstverständlich ergeben hätte. Da schwang schon durchaus auch immer ein bisschen Verunsicherung mit. Und dann steht Jacob Binzer bei uns im studio23 und spielt nicht nur ein wunderbares Solo und diverse weitere geschmackvolle Gitarrenparts ein, sondern bereichert unsere Produktion auch noch mit so vielen Geschichten, einem ganz speziellen, dänischen Vibe. So hat er nach dem perfekten Take, während wir schon das Ergebnis feierten, immer noch einen draufgelegt. Getreu dem alten dänischen Motto „Noch einen für Prinz Knut“, was soviel bedeutet wie: „Immer lieber nochmal einen mehr machen als nötig“. Ich kann immer noch völlig unprovoziert ins Schwärmen geraten, wenn ich an diesen begnadeten Multiinstrumentalisten denke.

Und eines Tages während der Produktion kam der Geist dieser Produktion dann tatsächlich ganz physisch in 3/4-Hosen, mit einer New Yor Yankees-Cap auf dem Kopf und drei Bandkollegen im Schlepptau ins Nordend, um zu verkünden, dass man gerade Zeit habe und ob nicht vielleicht noch ein paar Musiker gebraucht würden, um mein Solodebüt in trockene Tücher zu bringen. Man stelle sich das mal vor: Gary Meskil, seines Zeichen selbst Hardcore-Legende und Musiker mit einem legendären Arbeitsethos, offeriert mir unaufgefordert seine Hilfe und die seiner Bandkollegen. Ohne Gegenleistung, ohne Bedingungen, nur aus alter Freundschaft und der Aussicht auf eine gute gemeinsame Zeit. Ich konnte die Jungs noch nicht einmal davon abhalten, einfach im Studio zu pennen, wo wir bis in die frühen Morgenstunden gejammt haben, uns gemeinsame und neue Geschichten erzählten, hin und wieder fünf oder zehn Bier tranken und vor allem zusammen Musik machten. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, wie es dazu kam, aber auf einmal waren sie ganz einfach da, die Los Propanos, und haben sich für ewig in die W-Annalen gespielt – und mich auf ewig in ihre Schuld. Gary hat mir bei vier Songs den Bass abgenommen, Tom Klimchuck hat auf fünf Stücken eine geschmeidige New Yorker Gitarre drauf gelegt und was aus dem damaligen Pro-Pain-Drummer JC Dwyer wurde, ist ja inzwischen bekannt. JC hat damals auf sieben „SHW“-Stücken getrommelt und ich bin heilfroh sagen zu können, dass sein späterer Abschied von Gary und Co. nichts mit mir und DER W zu tun hatte. Am legendärsten sind allerdings die mächtigen Backing Vocals der drei und ihrem Kollegen Marshall Stephens, die sie mit dieser großartigen Lautschrift vorbereiteten: „Here compt da vey, tzwo, trey“. Es waren großartige Tage mit den Jungs und das Album würde anders klingen und sich für mich anders anfühlen, wenn sie nicht eines Tages einfach aufgetaucht wären. Der Geist des Albums, frisch aus dem Bus und in 3/4-Hosen und NY-Cap. Ich kann ihnen nicht genug danken.

Über etwas ganz anderes muss oder vielleicht eher: kann ich heute ein bisschen schmunzeln oder vielleicht sogar eher den Kopf schütteln: Ich habe damals tatsächlich geglaubt, ein paar neue Menschen erreichen zu können, so ganz unauffällig durch die Hörmuschel ins Herz. Leute, die die Onkelz nicht kannten oder vielleicht sogar aufgrund unseres Rufes ablehnten. Ich hatte den festen Ehrgeiz, mit dem DER W-Debüt was zu reissen. Es ging mir gar nicht um Verkaufszahlen oder große Hallen oder Rehabilitation oder so etwas. Nein, ich wollte vor allem, dass möglichst jeder es mal gehört hat und dann ganz unvoreingeonkelt entscheidet, ob er die Sachen in seine Seele lässt. Ich gestehe freimütig: Es hat natürlich an mir genagt, dass uns mit den Onkelz von vornherein so viele Türen und Herzen verschlossen waren, bevor wir zumindest mal anklopfen konnten. Wenn man Musik macht, will man auch gehört werden. Also habe ich ein hochkarätiges Team an Promoprofis versammelt und einmal, nur einmal, den ganz großen Aufschlag zu versuchen. Einmal Deutschland zeigen, was da in Frankfurt eigentlich zusammengebraut wird. Mich erklären, gerne auch nochmal die Onkelz erklären und so vielleicht den einen oder anderen in seinen gelernten Überzeugungen zu erschüttern und vielleicht sogar ein bisschen zu beschämen. Was soll ich sagen? Es ist grandios in die Hose gegangen. Die Leute haben einen grandiosen Job auf eine Weise gemacht, wie sie es von ihren „normalen“ Klienten gewohnt waren. Ein mehrseitiges Interview im Spiegel? Mit Geld kaum zu bezahlen! Das Video bei MTV platziert? Andere Künstler würden dafür töten. Und was mache ich? Das Spiegel-Desaster ist ja bekannt: ich durfte ein paar Takte über DER W erzählen, musste dann die Onkelz verteidigen und wurde dann zum Experten für rechtsradikale Strukturen in Ost-Deutschland ernannt. Toll. Und die MTV-Sache? Als man mir stolz berichtete, dass dieser Coup gelungen ist und ich fortan hin und wieder bei MTV laufen würde, habe ich den armen Mitarbeiter angeschrien, das SOFORT rückgängig zu machen und mir dann bitte erstmal nichtmehr zu begegnen. Sorry dafür. Also: Das Projekt „Wir versuchen mal was…“ ist auf dieser Ebene vollends gescheitert und ich war danach heilfroh, mich wieder im gelernten heimischen Kosmos zu bewegen.

Und hier bleibe ich, während die ersten Ideen für „W V“ eintrudeln. In einer Welt, die groß genug ist für uns alle und die so viel Platz lässt für neue Gedanken, alten Ärger und vor allem: Neue Ziele. Ich freue mich drauf!

P.S: Netter Funfact: Das „Welche Tränen, warum vergossen, ich will allein sein, vergessen, den Schnee von gestern eingeschlossen“, das ihr Jahre später als Teil von „Kafkas Träumen“ kennen gelernt habt, war eigentlich schon zu „SHW“-Zeiten ein ziemlich weit ausgearbeitetes Demo. Damals habe ich es wieder in die Schublade zurück gelegt, weil ich es einfach nicht rund bekommen habe.

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